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Über die Landschaft
So groß, so weit ...
Entweder fährt man im großen Bogen hindurch -
oder man verweilt mal hier, mal dort, bewundert das Zusammenspiel von Erde,
Wasser und Luft, von Riesengebirge und Isergebirge in den typischen Farben
der Jahreszeit. Oder man dringt noch tiefer vor, stöbert durch Ortsnamen,
Ruinen, alte Bilder, Legenden... und trifft dort auf Schatzsucher, Alchemisten,
im Geheimen arbeitende Glasmacher, Glaubensflüchtlinge, Liebhaber
germanischer Legenden, in Sänften getragene Gäste - oder auch
Rübezahl, der in Polen Rzepiór oder Rzepolicz heißt, in Tschechien Krkono¹
oder Herr Jan. Doch der Reihe nach!
Das Fahrradland liegt im Riesengebirge
(der höchsten Berggruppe der Sudeten), im Isergebirge (dem westlichsten
Teil der polnischen Sudeten) und im Isergebirgsvorland, zu dem das
Isergebirge im Norden in einer deutlichen tektonischen Schwelle abfällt.
Durch Riesen- und Isergebirge verläuft die polnisch-tschechische Grenze,
wobei über die Hälfte der Fläche beider Berggruppen auf tschechischem
Gebiet liegt. Der höchste Gipfel des Riesengebirges ist die Schneekoppe
(¦nie¿ka, 1603 m), die Königin des Isergebirges ist der Hinterberg
(Wysoka Kopa, 1126).
Die Berge des Fahrradlandes bilden ein
Refugium für Naturschätze, die auf polnischer Seite im Nationalpark
Riesengebirge (Karkonoski Park Narodowy, KPN) sowie in den
Naturschutzgebieten "Isertal-Torfmoore" (Torfowiska Doliny Izery)
und "Krokusse in Hartenberg" (Krokusy w Górzyñcu) geschützt werden,
auf der tschechischen Seite im dortigen Riesengebirgs-Nationalpark
(Krkono¹ský národní park, Krnap) und im Naturschutzgebiet
Jizerskohorské Buèiny. Im KPN kann man das Anfang des 20.
Jahrhunderts aus Korsika ins Riesengebirge eingeführte Muflon treffen.
Teilweise geschützt sind dort die Wälder der submontanen und montanen
Zone, in denen eindeutig die Fichte dominiert, obwohl die submontane
Zone ursprünglich aus Buchen- und Tannenwäldern bestand. Natürliche
Buchenbestände sind z.B. auf dem Hügel Bukówka (590 m) oberhalb des
Kochelfalls (Wodospad Szklarki) erhalten. Streng geschützt sind hingegen
die subalpine und alpine Stufe mit ihren mit Bergkiefern bewachsenen
postglazialen Gruben und Hochtorfmooren. Dort gibt es auch keine Routen
des Radfahrervereins. Dafür führen im Isergebirge einige Radrouten mitten
durch das Naturschutzgebiet "Isertal-Torfmoore" - ein Biotop von Zwergbirken,
Sumpfkiefern und Haarbinse. Hier kann man auch den meckernden Ruf der
streng geschützten Bekassine hören, oder den in Europa vom Aussterben
bedrohten Seeadler beobachten, den größten Raubvogel Mitteleuropas.
Doch neben all diesen
Reichtümern wartet ein Land wie aus dem Märchen. Allein
der Name Riesengebirge, der bis Ende des 18. Jahrhunderts auch
das Isergebirge umfasste, lässt vermuten, dass die Fantasie über diese
Berge einiges mehr zu sagen hat, als man mit dem Auge wahrnehmen
kann. Als die Wallonen Mitte des 13. Jahrhunderts begannen, diese
Gebiete zu durchstreifen, lagen sie quasi am Ende der Welt. Vom
Hirschberger Kessel (Kotlina Jeleniogórska) aus gesehen wirkten sie
tatsächlich riesig - und man glaubte, sie seien von schrecklichen Riesen bewohnt.
Die Wallonen, die in ihnen Gold und
Edelsteine suchten, schützten ihre Reviere, indem sie in der Welt die in der
Gegend umgehende Geschichte vom grimmigen Herrscher dieses Landes
verbreiteten - von Rübezahl, der jeden bestrafe, der es wagte, die Ruhe
seines Reiches zu stören. Gleichwohl versuchte so mancher, ihm den
legendären Schatz zu entreißen, der in der Felsformation "Abendschloss"
(Wieczorny Zamek) verborgen sein sollte. Auch die ersten hiesigen Glasmacher
nutzten Rübezahl, um sich vor unerwünschter Neugier zu schützen. Sie gründeten
ihre Hütten im Verborgenen. Nachdem sie das Glas geschmolzen und die Produkte
aufgeteilt hatten, gingen sie auseinander, um sie zu verkaufen. In der Gegend
mangelte es auch nicht an Dieben, die in diesem grünen Garten hausten. Sie
suchten dort u. a. Türkenbundlilien, aus denen man angeblich Gold gewinnen
konnte, Alraunenwurzeln, die als Mittel gegen alle möglichen Leiden galten.
Man nannte sie "Laboranten", da sie Kräuter sammelten und aus ihnen heilende
Mixturen zubereiteten. Die Kunde von den hiesigen Naturschätzen erreichte
sogar Kaiser Rudolf II. von Habsburg, der ab 1583 im nahen Prag regierte
und für sein Interesse an der Alchemie bekannt war. Er sandte einen
Arzt aus Striegau (Strzegom) als Kundschafter in die Berge, der den
Menschen wegen seiner Bergwanderungen als "Montanus" im Gedächtnis
blieb. Derselbe Herrscher sorgte mit seiner Intoleranz gegenüber Protestanten
dafür, dass protestantische Exulanten aus Böhmen ins Land strömten. Sie
gründeten z.B. Marysin in Schreiberhau (Szklarska Porêba) und die Siedlung
Groß-Iser (Wielka Izera) auf der Großen Iserwiese (Hala Izerska). Später
entdeckten die Künstler der Romantik die Gegend für sich. Sie errichteten
in Mittel-Schreiberhau (Szklarska Porêba ¦rednia) sogar eine heute nicht
mehr erhaltene "Märchenhalle" mit einem Zyklus aus acht Gemälden, die
Rübezahl als Verkörperung der Natur darstellten. Ihre Begeisterung von der
Landschaft und dem Klima der Gegend, sowie die Tatsache, dass die negative
Einstellung zum Gebirge in der europäischen Kultur ab der Mitte des 18.
Jahrhunderts einer Reiseneugier wichen, führten zur Entstehung des
Massentourismus. In den Bergen tauchten zuerst Gäste auf, die in Sänften
getragen wurden, später Freunde des Hornschlitten-, Bob- und Skifahrens,
und mit der Zeit begannen auch Radfahrer, diese an außergewöhnlichen
Eindrücken und außergewöhnlicher Geschichte so reiche Landschaft für sich
zu entdecken.
Sandra Nejranowska
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